Collien Fernandes’ Ex-Mann kaperte jahrelang ihre Identität, erstellte Deepfake-Pornos und versandte sie in ihrem Namen. Sie nannte es jetzt, was es ist: digitale Vergewaltigung. Was viele übersehen: Hinter diesem individuellen Terror steckt auch etwas, das nur zu gerne ausgeblendet wird – die Verwertung des weiblichen Körpers als Rohstoff: privat, kulturell und als globales Milliarden-Geschäft.
Individuum. Und Produkt.
Ja, was Collien Fernandes beschreibt, ist eine Geschichte über einen scheinbar außer Kontrolle geratenen Einzelnen – und das von ihm erzeugte individuelle Leid ist ohne jede Frage real und von einer Unerträglichkeit, die sich einer nüchternen Einordnung eigentlich widersetzt. Aber es ist eben auch, und vor allem, eine Geschichte über ein System, das Männern die Werkzeuge zur Verfügung stellt, einen solchen Terror zu entfalten – und das bisher so konsequent auf Konsequenzen verzichtet hat, dass das Benutzen dieser Werkzeuge für viele zur alltäglichen Selbstverständlichkeit geworden ist.
Collien Fernandes’ Ex-Mann hat über Jahre ihre Identität digital gekapert, Deepfake-Pornos von ihr erstellt und diese zusammen mit vorgetäuschten Sexnachrichten an Männer aus ihrem Umfeld verschickt. Sie nannte es digitale Vergewaltigung. Das Muster dahinter – ein Mann, der sich das Recht herausnimmt, über Körper, Identität und sexuelle Darstellung einer Frau zu verfügen, ohne ihr Wissen, ohne ihre Zustimmung, ohne erkennbare Skrupel – ist so alt wie die Zivilisation selbst, auch wenn die Technologie, die es heute ermöglicht, von einer Effizienz und Reichweite ist, die frühere Generationen von Tätern sich nicht hätten träumen lassen.
Gebaut, nicht geerbt
Was dieses Muster von einem bloßen Persönlichkeitsdefizit unterscheidet, ist seine strukturelle Tiefe – eine Tiefe, die historisch weit über jeden individuellen Täter hinausreicht und die, wenn man ehrlich ist, in den Grundfesten dessen verankert ist, was wir Zivilisation nennen.
Die Historikerin Gerda Lerner hat in ihrer Rekonstruktion der Patriarchatsgenese gezeigt, dass männliche Herrschaft über Frauen nicht das Ergebnis unterstellter biologischer Überlegenheit war, sondern einer sehr konkreten ökonomischen Entscheidung: Mit der Sesshaftwerdung, der Entstehung von Privateigentum und der daraus resultierenden Erbschaftsfrage wurde die Kontrolle über weibliche Sexualität und Reproduktion zur vermeintlich rationalen Notwendigkeit für Männer, die ihr Vermögen gesichert wissen wollten. Frauen wurden zuerst sexuell untergeordnet – dann ökonomisch, dann rechtlich, und schließlich so umfassend in diese Unterordnung sozialisiert, dass die Strukturen sich über Jahrtausende selbst reproduzierten, ohne dass es eines manifesten Zwangs bedurft hätte. Was im Privaten als nackter Verfügungsanspruch begann, wurde zur Grundlage einer gesamten zivilisatorischen Ordnung: Frauen als kontrollierte Ressource, deren Körper, Arbeitskraft und Reproduktionsfähigkeit dem männlichen Interesse dienstbar zu sein hatten.
Der Anthropologe David Graeber hat diesem Befund den vielleicht entscheidenden ökonomischen Bogen hinzugefügt: Die Verdinglichung von Menschen – ihre Reduktion auf Tausch- und Gebrauchswert – wurde historisch zuerst an Frauen entwickelt und erprobt, lange bevor dieses Prinzip auf andere gesellschaftliche Gruppen ausgedehnt wurde. Der weibliche Körper war, in einem sehr wörtlichen Sinne, wahrscheinlich das erste Handelsobjekt der Menschheitsgeschichte. Was heute auf PornHub oder in der Werbekampagne eines Automobilkonzerns geschieht, ist vor diesem Hintergrund keine moderne Entgleisung einer ansonsten zivilisierten Gesellschaft, sondern die technologisch aufgerüstete und kapitalmarkttaugliche Fortsetzung einer Logik, die nie wirklich unterbrochen wurde.
Das Patriarchat wurde nicht von irgendjemandem erfunden und dann von anderen übernommen wie ein schlechtes Erbe. Es wurde gebaut – von Männern als Gruppe, weil es ihren Interessen diente –, und es wird erhalten durch das alltägliche, strukturelle, oft nicht einmal bewusste Nicht-Aufgeben von Vorteilen, die man nur dann bereit ist aufzugeben, wenn der Druck von außen größer wird als der Komfort, den sie verschaffen. Wer Macht hat, gibt sie nicht freiwillig ab. Das ist keine moralische Aussage über individuelle Schlechtigkeit. Das ist eine soziologische Konstante, die so banal wie brutal ist.
Was der Fall Fernandes in aller Deutlichkeit sichtbar macht, ist genau diese Struktur in ihrer modernsten technologischen Ausprägung: ein Mann, der das Recht, über Körper und Identität einer Frau zu verfügen, so selbstverständlich internalisiert hat, dass er es über ein Jahrzehnt lang und ohne erkennbare Skrupel ausgeübt hat – nicht als pathologischer Ausnahmefall, sondern als konsequente Verlängerung von etwas, das die Gesellschaft ihm, wenn auch nicht immer explizit, so doch strukturell beigebracht hat. Ein Monster mit individueller Verantwortung, gewiss. Aber vor allem ein Produkt. Unser System produziert solche Männer nicht trotz seiner Werte, sondern mithilfe seiner Werte.
100 Milliarden Gründe, nichts zu ändern
Was im Privaten als Herrschaftsanspruch begann, ist längst zur globalen Industrie von astronomischen Ausmaßen geworden – und die Zahlen, die diesen Markt beschreiben, sind von einer Eindrücklichkeit, die eigentlich Beschämung auslösen müsste, es aber, wie die Erfahrung lehrt, in aller Regel nicht tut.
Der gesamte „Adult-Entertainment-Markt“ – Pornografie, Clubs, Plattformen wie OnlyFans, Sex-Toys und verwandte Industrien – wird je nach Schätzung auf bis zu 287 Milliarden Dollar jährlich beziffert; allein der Online-Pornomarkt im engeren Sinne liegt Marktforschern zufolge bei rund 70 bis 97 Milliarden Dollar pro Jahr, was ihn in eine Größenordnung bringt, die die kombinierten Umsätze von Netflix, Amazon Prime und Disney Plus übersteigt. PornHub allein verzeichnete 2023 rund 47 Milliarden Besuche – mehr als sechs pro Mensch auf diesem Planeten, wobei die Mehrheit der Dargestellten Frauen sind, die Mehrheit der Konsumenten Männer, und die Mehrheit der Gewinne ebenfalls bei Männern landet.
Die Werbeindustrie fügt diesem Bild eine weitere, kaum weniger beunruhigende Dimension hinzu: Frauen in der westlichen Welt sind täglich zwischen 400 und 600 Werbebotschaften ausgesetzt, in denen weibliche Körper als Verkaufsmittel eingesetzt werden – und zwar für Produkte, die mit Körper oder Sexualität oft herzlich wenig zu tun haben. Die globale Schönheitsindustrie erwirtschaftet dabei über 500 Milliarden Dollar jährlich, getragen von einem Geschäftsmodell, das in seiner Funktionslogik darauf angewiesen ist, systematisch weibliche Selbstunsicherheit zu erzeugen und zu perpetuieren, denn ohne das industriell produzierte Gefühl des Mangels gibt es keinen Umsatz.
Und je früher dieser Mechanismus greift, desto profitabler erweist er sich: Die Modeindustrie inszeniert Dreizehnjährige mit Smokey Eyes und aufreizender Körperhaltung – nicht als ästhetisches Statement, sondern als kalkulierte Markterschließung einer Zielgruppe, die man früh an Körperideale und Produkte binden möchte. Die Kosmetikindustrie hat unter dem Label „Tween Beauty“ Zehnjährige als eigenständiges Marktsegment entdeckt, das zu den am schnellsten wachsenden der gesamten globalen Beautybranche gehört. Auf TikTok und YouTube zeigen Kinder in millionenfach aufgerufenen Videos Anti-Aging-Routinen – während in den Kommentarspalten darunter übergriffige erwachsene Männer dokumentiert aktiv sind, und zwar in einem Ausmaß, das US-Klagen gegen TikTok mit internen Moderationsdaten belegen, in denen Quoten für „sexuelle Anbahnung Minderjähriger“ und „Fetischisierung Minderjähriger“ in den Kommentarbereichen der Plattform ausgewiesen werden.
Frances Haugen legte 2021 interne Meta-Dokumente vor, die belegten, dass Instagram einem signifikanten Anteil junger Mädchen nachweislich schadet – mit steigenden Raten von Körperdysphorie, Essstörungen, Angststörungen und Depression als dokumentierten Konsequenzen. Das Unternehmen entschied sich, weiterzumachen. Der Markt war wichtiger als die psychische Gesundheit von Minderjährigen.
Die eigentliche Triebkraft hinter alldem ist die historisch gewachsene und inzwischen kapitalistisch perfektionierte Verbindung zweier Kräfte, die sich irgendwann in der Menschheitsgeschichte gefunden haben und seither nicht mehr zu trennen sind: das archaische Muster männlicher Verfügungsansprüche über Frauen auf der einen Seite – und ein ökonomisches System auf der anderen, das dieses Muster nicht bekämpft, sondern als Geschäftsmodell verwertet und optimiert. Was der Mann im Privaten als Dominanzanspruch über den weiblichen Körper begann, hat die Zivilisation in Milliardenmärkte übersetzt, die heute so selbstverständlich zum kulturellen Inventar gehören, dass ihre Infragestellung als weltfremde Prüderie gilt. Sexualisierung verkauft. Unterwerfung verkauft. Und die industriell erzeugte Unsicherheit verkauft am besten von allem.
Das Patriarchat ist in diesem System kein Selbstzweck.
Es ist ein Geschäftsmodell.
Fünfzig Jahre. Und?
Das ist, wie gesagt, nicht neu – und es ist auch nicht so, als hätte niemand hingeschaut oder Alarm geschlagen.
Mit der Sexualstrafrechtsreform Anfang der 1970er Jahre wurde Erwachsenenpornografie in Deutschland liberalisiert, wobei der Gesetzgeber damit die Hoffnung auf mehr individuelle Freiheit und gesellschaftliche Selbstverantwortung verband – eine Hoffnung, die sich im Rückblick als so naiv erweist, dass man sie kaum kommentieren möchte. Was folgte, war keine Befreiung, sondern eine systematische Pornografisierung der Medienlandschaft, getragen von Milliardenumsätzen und gestützt durch die strukturelle Indifferenz einer Politik, die das Thema lieber anderen überließ.
Bereits 1978 zog Alice Schwarzer mit der ersten Sexismus-Klage gegen den Stern vor Gericht – das ist, man muss sich das vergegenwärtigen, fast fünfzig Jahre her –, scheiterte aber mangels gesetzlicher Grundlage, weil das Recht für eine solche Klage schlicht nicht vorgesehen war. 1987 folgte die PorNO-Kampagne, 1988 ein gemeinsam mit der Juristin Lore Maria Peschel-Gutzeit erarbeiteter konkreter Gesetzentwurf, dessen parlamentarisches Hearing in Bonn folgenlos blieb. Von 2013 bis 2017 kämpfte die Organisation Pinkstinks mit immerhin 12.000 Unterschriften gegen sexistische Werbung; der SPD-Parteivorstand und die Mehrheit der SPD-Basis sprachen sich 2016 für eine gesetzliche Kontrolle aus, die dann allerdings keinen Eingang ins Wahlprogramm 2017 fand.
Das Fazit, das sich aus diesen fünfzig Jahren ziehen lässt, ist so einfach wie niederschmetternd: Die Pornografisierung ist nicht weniger geworden, sie ist massiv gewachsen, während die Gegenmaßnahmen kosmetisch blieben und die Profite es nicht taten. Das ist kein politisches Versagen im üblichen Sinne. Es ist Kalkül: Ein System, das weibliche Körper als Rohstoff ökonomischer Verwertung nutzt, hat kein strukturelles Interesse daran, diesen Rohstoff zu schützen – und das schließt die Politik mit ein, die von denselben Männern gemacht wird, die von denselben Strukturen profitieren.
Das Stück kennen wir
Und so läuft es jetzt wieder ab, mit der vertrauten Präzision eines Theaterstücks, das man auswendig kennt, weil man es schon so oft gesehen hat.
Der „Fall“ Fernandes hat seine Welle der Betroffenheit erzeugt: Talkshows, Leitartikel, parlamentarische Forderungen, eine Bundesjustizministerin, die einen „praktisch fertigen“ Gesetzentwurf gegen Deepfake-Pornografie ankündigt – wobei man sich die Frage verkneifen möchte, warum dieser Entwurf nicht schon vor fünf Jahren fertig war, als das Problem bereits existierte und nur weniger prominent im medialen Bewusstsein verankert war. Aber das wäre unfair gegenüber einer politischen Klasse, die prinzipiell nur dann handelt, wenn das Nichthandeln öffentlich peinlich wird.
Was dann passiert, lässt sich mit der Zuverlässigkeit eines Naturgesetzes vorhersagen: Wenn ein Kinderpornografie-Ring ausgehoben wird, ergießt sich kollektive Empörung wie ein reinigendes Gewitter über die Gesellschaft, komplett mit den üblichen Forderungen nach schärferen Gesetzen und mehr Ressourcen für Ermittlungsbehörden – und das alles für einige Wochen, bis der nächste Skandal die knappe gesellschaftliche Aufmerksamkeit absorbiert, denn die Aufmerksamkeitsökonomie der modernen Medienlandschaft ist mit strukturellen Problemen prinzipiell überfordert; sie braucht Gesichter, Täter, Opfer, und dann den nächsten Tab.
Digitale Gewalt gegen Frauen wird exakt dieses Schicksal teilen. Solange sie Klicks generiert und Einschaltquoten rechtfertigt, existiert sie als Thema von gesellschaftlicher Relevanz; danach kehrt sie dorthin zurück, wo strukturelle Gewalt gegen Frauen seit jeher angesiedelt ist – in die Kategorie des Bedauerlichen, Bekannten, irgendwie Unvermeidlichen. Die Plattformen werden weiter profitieren, die Gesetzentwürfe werden in Ausschüssen versickern oder so verwässert verabschiedet werden, dass sie die Wirklichkeit kaum berühren, und die ökonomischen Interessen hinter der Pornografisierung unserer Kultur sind schlicht zu groß und zu tief in die Struktur des Systems eingeschrieben, als dass ein Empörungszyklus von einigen Wochen auch nur an ihrer Oberfläche kratzen könnte.
Das wissen die Konzerne. Das wissen die Lobbyisten. Und die Politik weiß es auch.
Das ist kein Zynismus. Das ist die nüchterne Lektüre von fünfzig Jahren Versprechen ohne Konsequenzen.
Lippenbekenntnisse, sonst nichts
Gleichstellung ist in westlichen Gesellschaften bis heute nicht viel mehr als ein Lippenbekenntnis, das man bei Bedarf aus der Schublade holt: Die Lohnlücke besteht fort, sexuelle Gewalt wird systematisch bagatellisiert, Technologiekonzerne profitieren von der massenhaften digitalen Ausbeutung von Frauen und beginnen dabei, wie gezeigt, schon bei Kindern – und die Antwort der Politik folgt dem Rhythmus des Nachrichtenzyklus, nicht dem Rhythmus des tatsächlichen Schadens.
Diese Gesellschaft hat sich, wenn man ihre Strukturen und nicht ihre Rhetorik betrachtet, längst entschieden: Frauen gelten ihr weniger als Menschen denn als Ressource, deren Verwertung man zwar gelegentlich regulieren, aber nicht grundsätzlich in Frage stellen möchte.
Ein dünner kultureller Lack aus Gleichberechtigungsrhetorik liegt über einer Struktur, die sich seit Jahrtausenden nicht wesentlich verändert hat – was sich verändert hat, ist ausschließlich die Technologie ihrer Verwertung, die Effizienz, mit der der private Herrschaftsanspruch des Mannes über den weiblichen Körper in globale Märkte von astronomischen Ausmaßen übersetzt wurde.
Eine Gesellschaft, die ihre Verachtung für Frauen nicht abgelegt hat.
Sie hat sie bloß monetarisiert.
Dieser Text entstand unter Verwendung von KI-Sprachmodellen: Claude (Anthropic), Gemini (Google) und ChatGPT (OpenAI). Redaktionelle Verantwortung: Manuel José Amor Egea | amormedia.de